Realität vs Wahrheit

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»Wir leben in postfaktischen Zeiten« – Angela Merkel

Mit Blick durch eine Laienbrille, die ich mir zum Schutz gerne selber aufsetze, ist die folgende Hilfsdoktorarbeit zu lesen:

Philosophie – wörtlich »die Liebe zur Weisheit«, ist eine Methode, Fragen zu beantworten durch die Fragestellung selbst, und deren Interpretation. Sie kommt aus der griechischen Kultur 600 v. Chr. (danke Wikipedia). Mit Verschmelzung der jüdisch-/christlichen Kultur ist die Philosophie für uns Europäer ein Teil unserer Identität. Unsere Identität ist geprägt davon, an grundsätzlichen Antworten interessiert zu sein.

So individuell wir untereinander sind, so unterschiedlich sind auch die Arten der Fragestellungen und Interpretationen. Abhängig von hunderten Einflussfaktoren, stellen sich Fragen anders und deren Antworten formen eine andere »persönliche Realität«. Unabhängig ist jedoch die Tatsache, dass wir nach Antworten suchen. »Philosophieverdrossenheit« wäre das Gegenteil, obgleich mir das bisher nur sehr selten begegnet ist.

Die, durch Sinnesorgane wahrgenommene, durch Gehirnprozesse gefilterte und durch unsere Erfahrung, Persönlichkeit, Umwelt u.v.a beeinflusste »Endversion von Antworten in unserem Bewusstsein« habe ich jetzt mal als »persönliche Realität« bezeichnet. Den Begriff »Wahrheit« verstehe ich als die korrekte Antwort auf das grundgelegte Interesse der Menschen an ebendieser. Denn eine Frage existiert nur mit der Möglichkeit einer Antwort oder? Genauso wie das Bedürfnis an Flüssigkeit, im Volksmund Durst genannt, nur aufgrund der Existenz von Wasser besteht.

Eine korrekte Antwort ist immer wahr. Leute die behaupten, dass es viele Wahrheiten geben kann, brauchen Mathematiknachhilfe. Denn wenn vieles wahr ist, ist nichts mehr wahr. Wer denkt dass es keine Wahrheit gibt, dem müsste man eine fröhliche Nichtexistenz wünschen. Wahrheit ist letzten Endes immer mathematisch korrekt und logisch nachvollziehbar. Einfach gesagt: 1+1 ist immer 2. Wer ein Zahlenverständnis bis 2 hat, wird das verstehen. Doch auch wenn jemand kein Zahlenverständnis bis 2 hat, ist die Rechnung trotzdem korrekt. Ui.

Die persönliche Realität, unterliegt kaum Gesetzmäßigkeiten. Sie kann wahr sein, sie kann aber auch völliger Blödsinn sein. Sie kann verschiedene Antworten der Wahrheit beinhalten – vergleichbar mit der Kürzung oder Aufstockung mathematischer Gleichungen. Sie kann aber auch freie, emotionale, falsche oder hypothetische Variablen enthalten. Persönliche Realität ist immer an Bewusstsein gekoppelt. Dieses persönliche Bewusstsein macht die Lösung einer Wahrheitsgleichung leider sehr ungenau. Aus 1+1=2=wahr wird so schnell mal ein x+(2k-e) = 0,5y * Π=wahr

Soweit so unklar ;) Ich hoffe ihr seid noch bei mir, lasst mich wissen was ihr darüber denkt.
Ich komme nun zum zweiten Teil, in dem ich auf die Ursache komme, warum ich mir das alles überhaupt ausgedacht habe.

Ich bin zu einer (persönlich realistischen) Erkenntnis gekommen: Jedes Engagement, jeder Lebensentwurf und jeder Aufwand von Energie ist das Resultat der grundsätzlich gleichen Suche nach Wahrheit. In allen Farben und Forme(l)n, wird gefragt, gesucht und auch gefunden. Beispielsweise sind das Einsetzen im Umweltschutz, die Passion des Dressurreitens, der Hang zu Verschwörungstheorien, die Liebe zum Sport, politische Positionierung sowie der Lebensentwurf von Dir und Mir, jeweils Ausprägungen einer persönlichen Realität, die das darstellen, was als Wahrheit verstanden wurde.

Unsere persönliche Realität ist subjektiv, denn die Perspektive ist Ego-zentrisch – von uns aus nach Außen. Das Spannende daran ist, dass mit dieser Erkenntnis die Menschen interessanter werden. Das Verhalten eines Menschen, das man zuvor nur als trotteligen Nonsense abgetan hat, kann nun als die individuelle Wahrheitsgleichung dieses Menschen verstanden werden. Zum Beispiel erscheint es völlig absurd, dass ein 16 jähriger Teenie aus Europa beschließt sich dem IS anzuschließen. Doch es ist eine Variable seiner persönlichen Gleichung, für die Antwort auf die Frage nach Wahrheit. Er will radikal werden, weil er das für wahr hält. Radikalisierung gewinnt an Notwendigkeit, weil er falsche Antworten auf richtige Fragen bekommen hat.

Es gibt 7,3 Milliarden unterschiedliche Wahrheitsgleichungen auf dieser Erde, mit einer noch endlos größeren Anzahl von Variablen und Ungleichheiten. An der Wahrheit, ändert dies aber alles nichts. Verrückt.

Warum kann ich hier jetzt schon wieder über Gott reden? Gehört das nicht eher ins private Gefühlskämmerlein, als in eine Erörterung über mathematische Formeln? Ich finde die Frage nach Gott, in Zusammenhang mit Wahrheitssuche deshalb so interessant, da in Deutschland 61 % der Bevölkerung einer religiösen Konfession angehören (Quelle). Dieser Anteil ist beeindruckend, da ein Verständnis von »Gott«  – in welcher Form dies auch sein mag – bei der Beantwortung von philosophischen Fragen, beim Großteil der Bevölkerung offensichtlich Relevanz hat. (Nicht außer Acht gelassen, dass natürlich nicht alle Menschen mit einer Konfession, von dieser in ihrer Lebenswelt beeinflusst werden, aber auch, dass nicht jeder konfessionslose Mensch, keinen Glauben an einen Gott hat.) Der Glaube an Gott ist also für manche Menschen eine reale Konstante ihrer persönlichen Realität, während dieser für manche nur eine schwammige Variable bleibt.

Mein ganzes Leben schon bin ich mit Menschen in Kontakt, die sich als »gläubig« bezeichnen. Ich selbst gehöre wohl auch in diese »Schublade«. Und auch hier habe ich erfahren, das die Grundfragen im Kern die selben sind, die Interpretationen und Antworten aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Glaube an Gott zeigt sich manchmal als »barfuß tanzende Hippiefrau mit Lagerfeuergitarre« bis hin zum »Businessnadelstreifenjuden mit Thora-App« – um mal Kontur zu zeichnen.

Doch wie sich Glaube nun ausdrückt, hin oder her. Glaube ist scheinbar eine Möglichkeit, Antworten auf existenzielle oder alltägliche Fragen zu bekommen. Unbekannte Variablen der Wahrheitsformel werden, durch eine durch Glauben entstehende Selbstverständlichkeit, zu Konstanten. Selbstverständnis durch Schriftstücke, Traditionen, Religionskultur und persönliche Erfahrungen. Frei nach dem Motto:

»Wenn meine persönliche Realität keinerlei Beeinflussung auf die Wahrheit hat, dann will ich wenigstens das es andersherum ist.«

Diese Selbstverständlichkeit wird oft belächelt, da sie sich scheinbar fernab von logischer Mathematik aufhält. Nur darf man nicht vergessen, dass das bei anderen »persönlichen Realitäten« nicht weniger der Fall ist. Viel interessanter ist die Frage, warum es Leute motiviert, Verständnis durch glaubende Selbstverständnis zu ersetzen. Sich damit sozsagen aus der Verantwortung des Rechnens zu ziehen, und sich ganz auf eine angebotene Wahrheit zu verlassen. Eure Gedanken dazu?

An was glaubst du? Und was ändert das eigentlich?

Hast du dir schonmal die Frage gestellt was wäre, wenn du auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Kultur und einer anderen Familie aufgewachsen wärst? Wenn die Lotterie des Lebens sich eine andere Welt für dich ausgesucht hätte als die Jetzige? Was wäre dann mit den ganzen Wahrheiten die du dir so zurechtgelegt hast? Was sagt das über die Gültigkeit der Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Standpunkte deines Lebens aus? Diese ganzen Rituale, die so lebenswichtig sind, das ganze Essen das so ungesund ist, die Regeln die so alternativlos sind, die Normen die unverrückbar sind?

Egal ob du Ponyreitest oder Babys bekommst. Egal was deine persönliche Realität ist und zu deiner Wahrheit geworden ist. Für mich ist ein Satz, der eigentlich aus dem Produktdesign stammt, zu einem der wichtigsten in meinem Leben geworden:

»form follows function.«

Er besagt, dass ein Produkt erst mit Design veredelt werden sollte, wenn es funktioniert. Oder vielmehr, das Funktionalität der Beginn des Design-Prozesses sein muss. Ich denke mir: Dein Glaube, deine Rituale, deine Lebenswirklichkeit, dein Alltag dürfen geformt sein wie du lustig bist – solange es funktioniert, solange es nicht falsch ist. Die Unwissenheit darüber, ob das was man glaubt und lebt falsch oder richtig ist, kann darüber hinaus entspannende Auswirkungen auf Konfliktsituationen haben. Du willst nicht wahrhaben , dass ein ponyreitender Cowboy mit seiner Ponyreite-Cowboy-Religion auch einen Teil der Wahrheit richtig erkannt hat? – komm drauf klar! – denn woher stammt dein Wissen, ob du selbst näher dran liegst?

Letztendlich gibt es das Monopol auf Wahrheit nur durch Allwissenheit. Wenn du im Stande bist alle Variablen zu entschlüsseln und den Wert von X kennst. Solange das noch niemand von uns hinbekommt müssen wir uns einig darüber werden, wie wir uns uneinig sein können.

Jetzt hör ich aber mal auf und suche meinen Taschenrechner.

Gruß Rebekka

 

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