Offline bin ich manchmal sogar traurig.

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Seit einer handvoll Tagen wohne ich in München. Es ist schön hier und ich genieße es altbewährte Freunde wieder zu treffen. Ein Treffen fand ich besonders besonders. Da meine Gesprächspartnerin sowieso behauptet hatte ich würde einen Artikel darüber schreiben, will ich davon erzählen.

Wir hatten uns lange nicht gesehen, sicher ein Jahr nicht. Doch wir hatten uns genauso nicht nicht gesehen. Man teilt sich ja: wo man ist, was man isst, wie gut es einem geht. Veröffentlichte Fotos von den glücklichsten, schönsten und perfektesten Momenten halten Alle auf dem Laufenden. Das dabei ein Bild von uns entsteht, das sagen wir mal „Scheuklappen aufhat“, wissen wir. Wir sehen im Internet besser aus. Das Thema ist ja nicht neu.

Meine digitalen Darbietungen über das letzte Jahr, hatten bei meiner Freundin allerdings etwas bewirkt was man nur mit persönlichem Kontakt hätte vermeiden können. Eine Art Distanz – der Eindruck ich stände über den Dingen, hätte nichts worüber ich mir Gedanken mache, nichts was schwer oder zumindest herausfordernd in meinem Leben ist. Meine Fotos von Sonnenuntergängen, Hundewelpen und Sandfüßen haben das nicht mit Absicht gemacht. Aber es passiert wenn man einen Menschen nicht „in Echt“ erlebt. Wenn nur diese romantische Bebilderung die Lebensgeschichte erzählt, und nicht man selbst.

Und jetzt haltet euch fest:

Offline bin ich manchmal sogar traurig.

Ja das ist echt wahr. Wenn keine Kamera, kein Mikrophon, kein Eingabefenster für Gefühlszwitschereien zur Verfügung stehen – wenn einfach nur ich da bin: dann fühle ich mich manchmal so unspektakulär und durchsichtig wie ein Streifen Gelatine. Das sind Momente in denen ich keine große Welt für einen Monolog der Sorte: „Sehet und staunet über mein unfassbar glanzvolles Leben“ habe. Gefühle wie Verzweiflung, Wut oder Niedergeschlagenheit sind mindestens so häufig auf meiner organischen Timeline, wie Hundewelpenmomente.

Das wissen Menschen natürlich besser die mir nah sind. Die wissen, dass ich mit meinem Selbstbewusstsein kämpfe, das ich Zeiten habe in denen ich nicht erreichbar bin, dass ich heulen kann oder dass es Fotos von mir gibt mit denen man mich erpressen könnte (weil unvorteilhaft). Aber für diese Nähe muss ich mich jedesmal entscheiden, indem ich auch diese Seiten von mir ‚teile‘. Das ist gar nicht leicht.

Oft denke ich, dass mich Menschen ohne den Heule-Ehrlichkeit-Gelatine-Kram lieber mögen. Manchmal rede ich Leuten nach dem Mund, weil ich Angst habe das meine Meinung sie verletzen könnte. Da ist immer die Verlockung, dieses Amateurtheater welches man sich sorgfältig zusammengepostet hat, auch offline auf die Bühne zu bringen. Zugegeben, immer den Bauch einzuziehen und Hammer aussehen kann anstrengen, aber was tut man nicht alles für ein konfrontationsloses Dasein?

Aber das ist ein Missverständnis. Menschen mögen dich, oder sie mögen dich nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dich mögen ist jedoch nicht höher wenn du perfekt bist. Entspannter aber wenn du so bist wie alle anderen auch: nämlich gemischt. Es gibt Barista Cappuccinos und es gibt gebrochene Herzen in unseren Leben. Es gibt fantastische Konzerte und es gibt Donnerstagmorgenaugenringe in unseren Leben. Wir sind gemischt. Das haben wir gemeinsam.

Das zu wissen bringt Veränderung in unsere Begegnungen. Nähe zuzulassen heißt dann: aus dem vergangenen Jahr zu erzählen, sich an schwierige Themen zu trauen, auf zu machen – eben nah sein und die Geschichten zwischen den Tweets erzählen. Und noch viel wichtiger: zuhören was der andere sagt oder eigentlich sagen will.

Man muss kein Experte sein um zu erkennen ob jemand gerade nur sein Facebook-Profil ausbreitet oder wirklich da ist, aber hatte ich erwähnt das diese Freundin Psychologie studiert? Sie hat mich natürlich sofort durchleuchtet und dafür bin ich dankbar. Denn sie sagte: du verletzt mich nicht mit deiner wirklichen Meinung, gerade die macht dich interessant, dann Zuhören heißt sich wirklich interessieren und dann Differenzen aushalten, das ist Freundschaft.

Gruß

Rebekka

 

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2 Comments

  1. matysplanet sagt:

    Starker Text, ich freue mich auf den Leseabend mit dir. Schönen Gruß Mate

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