Egomanifest.

egomanifest

 

»Vom Dagegen sein« könnte ein neuer Bestseller heißen. Eine Textsammlung aus sozialen und asozialen Netzwerken mit Gastbeiträgen aus düsteren Kommentarspalten und einem Vorwort von Lutz Bachmann. Derzeitig spuckt das Internet gar so gerne Salven, gegen Irgendwen oder Irgendetwas aus. Ich frage mich ob man schon Anti-Anti sein muss um für etwas zu sein.

Aus meinem eigenen Leben kenne ich diese kleinen Parabeln über das Anti-sein ebenso. Anti-Montag, Anti-Nazi, Anti-Aging. Jeder hat so seine Lieblings-Abneigungen gegenüber Verhaltensweisen, Erscheinungen oder Überzeugungen. Und prima daran ist ja, dass du alles scheiße finden kannst: Nazis, Ausländer, Grenzen, Heime, Schwarze, den Islam, Moscheen, Deutsche, Nichtdeutsche, Reiche, Arme, Alte, Kinder, Babys, Mütter, Fleisch, Kaffee, Flugzeuge, Mangos, Männer, Frauen, Bärte … und eben Alles.

Das Stichwort gegenüber finde ich dabei sehr interessant. Etwas oder jemand, der mir ein Gegenüber ist, gibt ausschlaggebend Auskunft über mich selbst. Unsere Identität ist zu einem bestimmenden Teil von Reaktionen aus unserer Umwelt abhängig. Dass kann natürlich für den kleinen Egomanen in uns sehr anstrengend werden. Denn ein Gegenüber der sich vom eigenen Spiegelbild unterscheidet, birgt ein weitaus kritischeres Selbstwahrnehmungspotenzial.

In einem Rudel findet sich ‚Ähnliches‘ zusammen. Hier ist die Auseinandersetzung mit dem Selbst, kaum notwendig – Das persönliche Passen ins Ganze steht im Vordergrund. Eine Konversation mit einem Gesprächspartner mit den gleichen Argumenten, kann zwar angenehm sein, bewegt aber weniger am eigenen Horizont.

Was macht also nun ein gegensätzliches Gegenüber mit uns? Abhängig von unserem wortwörtlichen ‚Selbstbewusstsein‘ kann es im gleichem Maße schwächend sowie bereichernd für uns sein. Durch Unterschiede zwischen mir und einer anderen Person, kann ich meine eigene Identität in Frage gestellt sehen, oder meine Identität in intensiverem Maße gefestigt wahrnehmen. Letzteres kann durchaus positiv und glücklicherweise freiwillig praktiziert werden. Ich stelle also die gewagte These auf: Wir brauchen einander – ohne Scheiß!

Eine Denkweise, die aus Wünschen »Gegen« etwas oder jemanden besteht, beschreibt einen Mangel an eigener Kraft, sich selbst durch Anderes nicht destabilisiert zu fühlen. Kante oder Andersartigkeit ist dann nicht Bestätigung, sondern Bedrohung des Selbstverständnisses. Ein einfaches Beispiel aus der Physik besagt, dass eine negative Polung eines Magnetfeldes nie ohne den Widerpart, also der positiven Polung existiert. Sogenannte ‚Monopole‘ und da erlaube ich mir jetzt wieder den wörtlichen Sprung in die Menschenwelt, sind bisher nicht entdeckt. Was den Pluspol also seine Identität und Eigenschaft verleiht ist der Minuspol – sein komplettes Gegenteil. Vom Magnetismus könnte man sich also eventuell Strategien abschauen.

Werden wir philosophischer: Nacht kann sich in Nacht nicht beschreiben. Uiuiui. »Der Tag« ist fähig »der Nacht« mehr Attribute zum Abgleich mit ihr selbst zu liefern, indem er sie selbst hat. Dabei geht es nicht um Konkurrenz, sondern um Erkenntnis. Dunkelheit ist nicht dunkel solange es kein Licht gibt. Die Eigenschaft des ‚Dunkelseins‘ wird erst mit Helligkeit real. Unverzichtbar also für eine Nacht, von einem Tag als eine solche beschrieben zu werden – genauso wie andersherum.

Die Eigenschaften des ‚Anderen‘ sollen jedoch nicht in eine Wertung mit einbezogen werden. Es geht nicht darum sich in der Unterschiedlichkeit an Eigenwert zu bereichern. Viele sehen das Fremde als Bestätigung der eigenen ‚Absolutheit‘ und der Entwertung des Gegenparts, wobei es doch ganz entgegen dieses Prinzips um die ‚Absolutheit im Gesamten‘ geht. Es muss also eine Koexistenz geben, da es keine Existenz im selben Maße mit Vermeidung einer Koexistenz gibt.

Mit dem Abdrängen von vermeintlich inkompatiblen Elementen, bringt man sich selbst in den Zwang, immer mehr Ungleichheiten im Umfeld zu vermeiden. Am Ende bleibt kein Raum für Individualismus. Alles wird zwanghaft absolut. Kommen uns da nicht ein paar schlimme Gruselbilder aus dem Schulunterricht in den Kopf? Ich denke da an Uniformen und Marschmusik aus dem Volksempfänger – aber ich spreche auch von Dir und Mir, jetzt und heute.

Denn nicht nur in der Politik spielt das eine Rolle. In Freundschaften, in Familien, im Kollegenkreis, in Vereinen. Immer da wo Menschen aufeinandertreffen kristallisiert sich ein Dresscode, ein Sprachcode, eine ‚Richtung Mensch‘ heraus. Das ist zunächst nicht schlimm, denn Rudelbildung gibt uns Sicherheit und schützt uns vor zu viel Verantwortung und Überlastung. Isolation ist das Problem, wenn Werte zu Richtwerten erstarren und sich Grenzen manifestieren. Dann wird es von Mal zu Mal schwerer mit vermeintlichen »Irritationen« dieses Manifests umzugehen. Dann gibt es nur noch »Wir, und die Anderen«. Nicht gut.

Erstarrte Manifeste haben die Eigenschaft ihre Rudelmitglieder zur Verteidigung gegen Andersartigkeit zu mobilisieren. Dies kann auch in uns selbst passieren. Doch diese Mauern müssen wir nicht schützen, wir müssen sie einreißen!

Wenn du alles desinfizierst aus Angst vor Bedrohungen, bist du nicht sicherer – nein du wirst schneller krank und musst immer mehr desinfizieren. Denn auch wenn es uns Sakrotan-Fetischisten nicht in den Kopf geht: Irritationen machen (dich) lebendig.

Wie kann das reibungslos funktionieren? – Gar nicht. Aber Reibung erzeugt Wärme. Wie kann es also mit Reibung funktionieren? Durch Wissen, durch Erfahrung, durch Begegnung und ermutigenderweise auch mit dem Kalenderspruch ‚Sei du selbst‘. Das schlimmste was passieren kann, ist dass jeder so nach Hause geht, wie er gekommen ist. Eigentlich ist das gut für das Ego.

Man kann natürlich auch Resignieren, aber dann bleibt halt die Frage was das bringt? Ich bin ein Spitzenkandidat darin, eine andere Meinung nicht stehen lassen zu können. Aus dem simplen Grund weil das halt nicht meine ist. Für alle die dieses Gefühl kennen, empfehle ich Tricks aus der Nettigkeits-Box, um deinen Gegenüber von deiner Meinung zu überzeugen:

  1. Argumentiere nicht mit der Richtigkeit deiner Meinung,
    aufgrund dessen dass die Andere falsch sei. (Das ist nämlich dumm)
  2. Begegne deinem Meinungskonkurrenten mit Respekt für seine Andersartigkeit,
    diese Reaktion wird das Interesse deines Gegenübers automatisch für deine Meinung wecken. (Liebe)
  3. Entdecke die positiven Aspekte deiner Identität inmitten der Konfrontation.
    Die Art wie du reagierst und dich fühlst, macht Wahrheiten über dich und deine Meinung offenbar.
    (Kann es sein, dass du wütend wirst weil du falsch liegst? Oh oh …)
  4. Sei nett. (Ja, sei einfach nett)

Vielleicht etwas naiv sich an physikalischen Gesetzen und simpler Drittklass-Biologie als Meinungsstütze zu bedienen, aber sehnen wir uns nicht oft nach der ‚Einfachheit der Dinge‘? Haben nicht große Mathematiker schon riesige Naturphänomene in simple Gleichungen aus Zahlen und Variablen gesteckt?

Somit bin ich mutig genug, um den Anti-Trip unserer Gesellschaft mit einer simplen Gleichung aufzulösen. Die da wäre:
Du + Die Anderen + Die Unterschiede > Du

Liebt euch,

Gruß Rebekka

 

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