Zuckerstücke.

Ich versinke zur Hälfte in einem weichen Ledersofa, zu Gast bei einer wildfremden arabischen Familie in Galiläa. Es riecht nach Pfefferminze. Zuckrige Gebäckstücke zerbersten zwischen meinen Zähnen. Vorurteile zerbersten in meinem Kopf.

»Wie bin ich denn hier gelandet?« ist die häufigste Frage in den letzten Monaten für mich gewesen. Dieses Land scheint eine ganz eigene Dynamik zu haben, was den Verlauf von Plänen angeht. Der Plan war ursprünglich zu einem Startpunkt einer Wanderroute am Berg Tabor zu fahren. So weit so deutsch. Wir suchten den eigentlich ausgeschilderten Parkplatz, fanden uns aber nur an einer staubigen Straße am Stadtrand wieder. Fürs erste wollten wir hier stehenbleiben und zum Startpunkt weiterlaufen. Als ein Mann aus seinem Haus kam, fühlten wir uns wie auf frischer Tat ertappt und fragten eher aus einem Schuldgefühl heraus, ob das Abstellen unseres Autos auf dem gegenwärtigen Platz denn erlaubt sei. Auch wenn der Mann kein Wort von uns verstanden hatte, war seine Gastfreundlichkeit-Kontrolllampe schon auf Alarmstufe Grün. Zunächst eilt die Tochter, noch im Schlafanzug bekleidet zu uns, um Englisch-Arabisch-Übersetzung leisten zu können.

Die Frau des Hauses folgt, mit Cola und Datteln zur Erfrischung. Dann Taschentücher für die Hände. Dann ein Tee im Haus. Dann Sü.igkeiten. Ein zweiter Tee. Wir reden, lachen, tauschen Kontaktdaten aus und sprechen über Gott. Ich bin so überwältigt von der Freundlichkeit die uns entgegenschlägt, dass ich fast weinen muss. Dann begehe ich den Fehler mich für die Süßigkeiten zu bedanken, denn ich erwähne, das dies für unseren Hunger genau richtig kam. Das Wort »Hunger«, scheint so unangenehm im Raum zu schweben, dass wir uns nun zwischen Käse- und Hühnchentoast entscheiden müssen.

»Aber das ist doch nicht nötig« ist so etwas wie ein Gaspedal in dieser Konversation. Mit zwei Tüten voller Brotzeit, werden wir in Anwesenheit der zweiten bis dritten Generation zum Startpunkt unserer Wanderroute eskortiert. So weit so arabisch.

Noch lange müssen wir untereinander über die Gefühle und Gedanken dieses Erlebnisses reden. Am Gipfel des Berges genießen wir Oliven und Sandwiches, gemacht von einer uns fremden Frau. Wir reden über Deutschland. Wo gerade viele arabische Menschen auf der Suche nach Startpunkten sind. Wie empfangen wir diese Menschen? Ist die Euphorie und Offenherzigkeit, aus den Tagen der ankommenden Flüchtlingszüge, verklungen? Und wenn ja, welche Stimmen schreien jetzt am lautesten? Welchen schenken wir unser Gehör? Und welchen vielleicht auch unsere Stimme?

Ich verstehe die Deutschen, die sagen das sie ängstlich und unsicher in der jetzigen Situation sind. Appellierend an meine selbst gewollte Gutheit habe ich diese Gedanken immer etwas krampfhaft wegschieben wollen. Aber das ist Blödsinn. Man darf ängstlich sein und Zweifel haben. Dies sind nun mal Stimmen die gerne laut schreien. Entscheidend ist am Ende aber: Was ändern sie?

Ich hatte früher immer Angst vor der Kellertreppe. Ich hätte sie natürlich boykottieren oder gegen sie protestieren können. Ich hätte sie auch umzäunen oder eine Obergrenze für Kellerbesuche einführen können. Stattdessen habe ich mit der Zeit gemerkt, dass ich immer wieder heil oben angekommen bin. (Meistens sogar mit einem Eis aus der Tiefkühltruhe in der Hand.) Nur habe ich für diese Erkenntnis ein paar Jahre und ein paar Schritte gebraucht.

Ich will mich nicht links oder rechts positionieren. Dort gibt es immer einen bitteren Beigeschmack. Viel besser ist es doch sich an einen riesigen, voll gedeckten Tisch in der Mitte zu setzen. Und zu Essen. Mit Menschen um die es wirklich geht. Menschen auf der Flucht und Menschen aus Deutschland. Reden, essen, Fragen stellen, diskutieren, essen, streiten, essen und träumen. Und dann werden wir uns einig darüber wie wir uns uneinig sein können. Am Ende geht jeder dick und zufrieden an einen Ort, den er als Heimat bezeichnen kann. Ohne Resignation, ohne Angst, ohne Wut, nur mit einem süßen Nachgeschmack.

Guten Appetit!

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