Lass uns über Gott reden.

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Mein Herz pumpt lauter und schneller als ich es gewohnt bin. Ich versuche meine Gedanken zu sortieren. Ich bin in Tel Aviv, die derzeit aufregendsten Stadt meiner Welt.

Es ist die dritte Woche von insgesamt 5 Monaten die ich in Israel verbringe. Ich fühle mich wie auf Drogen. Seltsam sentimental- und zugleich aktivmachende Gedankendrogen. Wenn ich nicht meine Kamera, mein Skizzen- und Tagebuch dabei hätte, wüsste ich nicht wohin mit dem Überschuss an Input, der ungefiltert und manchmal rücksichtslos durch meine Sinnesorgane brettert. 10-Dimensionales Kino.

Was macht dieses Land mit mir?

Von Vorne: Ich arbeite in einem Gästehaus. Nicht eines der normalen Sorte: kratzige Wolldecken, schwacher Kaffe und imaginärer Meeresblick. Nein ich arbeite in einem Gästehaus mit kratzigen Wolldecken, schwachem Kaffe, imaginärem Meeresblick und … ja … Gott.

»Bittewie?«

Ja … Gott … mein Gott, wie soll ich das erklären?

In diesem Gästehaus wird gesungen und gebetet, jeden Tag um halb 10. Hier wird geredet wie man es aus dem Bibel-TV-Sender kennt, bei denen man beim Zappen und vor Lachen hängenbleibt. Hier kommen Menschen aus der Ukraine, Brasilien, Südafrika, Singapur und Ööööstereich und sprechen in unterschiedlichsten Sprachen über ein und dasselbe Thema:
ja … Gott.

Nein, ich bin nicht in eine Sekte geraten. Und ja, das ist normal hier.

Israel verdreht Milliarden Menschen dreier Weltreligionen und noch mehr religiöser Strömungen den Kopf. Hier trifft sich die Gitarren-Ursel vom »grischtlichen Jesusbund« mit dem orthodoxen Rabbi namens Shlomo. Hier stechen fanatische Gotteskrieger Leuten Messer in ihre Rücken. Hier spielen Frauen in Blumenkleidern Lobpreislieder auf Blockflöten. Hier treffen sich tausende Menschen jeden Alters vom Nordpol bis … tadaa Südpol um als Volontäre, Bibelschüler oder Touristen das Land zu sehen.

Für Israel spricht das auswärtige Amt in einer Regelmäßigkeit Reisewarnungen aus, wie es sich jeder Warlord nur wünschen kann. Trotz dessen wird das »heilige Land« jedes Jahr mit Besuchern überflutet. Was ist da bitte los? Und warum pumpt mein Herz lauter und schneller als ich es gewohnt bin?

Kleiner Sprung.

Wir mittelinteressierten, mittelbegeisterungsfähigen Mitteleuropäer geben uns gerne mit unserer Mittelmäßigkeit zufrieden. Nein wir sind meistens sogar Stolz darauf. Alles ist in der Balance. Ja, alles ist in der Balance. Uns geht es nicht schlecht, aber auch nie gut genug. Wir finden uns nicht hässlich aber auch nicht wirklich schön. Wir lieben unsere Partner, aber schlafen auch gerne mal mit anderen Leuten. Der Burger macht uns dick aber der Minuszwanzigprozentfett-Joghurt macht es wieder gut. Wir sind nicht glücklich, aber es könnte uns auch schlechter gehen. Alles ist in der Balance.

Was das mit uns macht? Wir sind unzugänglich für etwas was nicht in unser mittelmäßiges Weltbild passt. Wir sind verschlossen für etwas das aus der Reihe heraus springt oder uns aus diesem Gleichgewicht bringen könnte. Alles ist doch so schön dekoriert!! Alles ist doch so schön herausgeputzt!! Das darf man jetzt nicht mehr verändern!! Extremes ist nicht vorgesehen. Höchstens um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen, um dann komprimiert und abgepackt in unserem Einkaufskorb zu landen.

Kommt ihr mit? So mittel?

Zurück nach Tel Aviv. Hier gibt es beides. Wenn man die Augen ganz arg zukneift könntest du auch in einem hippen Künstlerviertel in Berlin sein. Bisschen abgeratzter vielleicht. Hier kannst du auch deinem ausbalanciertem Wahnsinn hinterherrennen. Du kannst hier Feiern, Arbeiten oder mit deinem Hund den Hundespielplatz besuchen. Du kannst hier surfen, gutes Bier trinken (Bazelet) und belanglos sein.

Und es gibt hier Gott. Hier ist heiliges Territorium. Hier wird gebetet und geflötet bis die Erde bebt. Jeder Stein hat eine historische Bedeutung. Ich spreche hier mit Menschen die Geschichten erzählen, für die ich im Fernsehen keine Geduld hätte. Sie wären mir zu unrealistisch. Geschichten von Wundern. Geschichten von dauerhafter Glückseligkeit. Ich komme hier an Orte bei denen mir Tränen in die Augen steigen, obwohl ich vollkommen ok bin und obwohl ich auch gar nicht so recht weiß warum. Darum pumpt mein Herz lauter und schneller als ich es gewohnt bin. Und ich bin wirklich nicht auf Drogen (Bazelet vielleicht).

Nenn mich verrückt oder religiös oder weibisch oder sentimental oder meinetwegen auch unausbalanciert. Aber hier passiert sentimentales, hier passiert unglaubliches. Mag sein, dass das alles nur eine kognitiv-chemische Hormon-Reaktion meines menschlichen Nervensystems ist. Mir egal. Allein die Idee, dass diese Gefühle und Geschichten wahr sind und einen womöglich göttlichen Ursprung haben, reicht mir.

Ich will über meine Gefühle reden. Ich will die Geschichten aufschreiben die mir erzählt werden. Ich will diese verrückten Christenmenschleins fotografieren, die dieses Land bewegen und die etwas in diesem Land bewegt. Ich will das dieses Land nicht aufhört mich aus der Balance zu bringen. Ich will über Gott reden.

 

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4 Comments

  1. Der Analoge sagt:

    Sehr schöne Fotos, teilweise phantastisch schön. Ich fühl mich schon fast schon selbst am Strand

  2. …oh wie schön!
    LG Ottilie

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